Ross W. Greene – Verloren in der Schule: Wie wir herausfordernden Kindern helfen können

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Als Grundschullehrerin hat man in der Schule und im Unterricht immer mal wieder Begegnungen mit herausfordernden Kindern. Nicht selten kommt es daraufhin zu Unterrichtsstörungen. Letztlich wird dadurch nicht nur das Lehren und Lernen unterbrochen (wenn es überhaupt noch möglich ist!), sondern auch das Klassenklima und die Stimmung der Lehrperson verschlechtern sich. Ein Teufelskreis beginnt.

Da ich zu meiner Zeit zunächst keine optimale Methode für den Umgang mit herausfordernden Kindern gefunden hatte, machte ich mich damals auf den Weg. Dabei traf ich auf das Buch Verloren in der Schule von Ross W. Greene, einem Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School und einem Pionier was die Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern betrifft.

Darum geht es in dem Buch

Darin erläutert der Autor einen Ansatz fernab klassischer Strafmaßnahmen. Ross W. Greenes Ansatz beruht auf der Basis, dass Kinder ihre Sachen gut machen, wenn sie sie können. Das heißt, Prof. Greene geht davon aus, dass hinter jeder Verhaltensauffälligkeit ein ungelöstes Problem, ein Kompetenzdefizit oder beides steckt.

„Kinder machen ihre Sachen gut, wenn sie sie können“ – Ross W. Greene

Bezüglich des Umgangs damit unterscheidet er zwischen drei Plänen: Plan A, Plan B und Plan C. Dabei versteht er Plan A als Willen aufzwingen, Plan C als von einer bestimmten Erwartung Abstand nehmen und Plan B als kollaboratives Problemlösen.

  • Plan A: Willen aufzwingen
  • Plan C: Von einer bestimmten Erwartung Abstand nehmen
  • Plan B: Kollaboratives Problemlösen

Letzteren Plan präferiert der Autor ganz klar gegenüber den anderen beiden. Er begründet das damit, dass man durch das kollaborative Problemlösen partnerschaftlich auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, das darin besteht, das Kind wirksamer zu unterstützen. Man gelangt sozusagen in beiderseitigem Einvernehmen zu einem Handlungsplan, der sowohl realistisch als auch für beide Seiten zufriedenstellend ist. Der Vorteil dieses Plans ist, dass auf diese Weise gefundene Lösungen langfristig stabiler sind und mit der Zeit beide Parteien (Lehrer wie Schüler) Fähigkeiten erlangen, an denen es ihnen bislang mangelte.

Der Vorgang des kollaborativen Problemlösens umfasst dabei drei Stufen.

  1. Empathie-Stufe: Informationen über das Kind einholen
  2. Problemdefinition: Sowohl das Kind als auch der Erwachsene (z.B. der Lehrer) schildert beziehungsweise verdeutlicht sein Problem.
  3. Einladungsstufe: Gemeinsames Erarbeiten von Lösungsvorschlägen

Diese drei oben genannten Stufen beschreibt der Autor in seinem Buch sehr umfassend und stellt im Anhang des Buches auch entsprechendes Material zur Verfügung, sodass man als Leser Verständnis- und Umsetzungshilfen an die Hand bekommt.

Meine Erfahrungen aus der Praxis mit dem Buch

Mir selbst half dieses Buch und speziell der Plan B ungemein, was den Umgang mit herausfordernden Kindern betrifft. Statt den Kopf in den Sand zu stecken oder die Kinder so zu verbiegen, wie ich sie gerne gehabt hätte, nahm ich mir die Zeit, ihnen einfach mal zuzuhören. Ehrliches Interesse für ihre Verhaltensweisen aufzubringen. Nachzufragen und mir erklären zu lassen, WARUM sie sich verhalten, wie sie sich verhalten. Und auch wenn es manchmal zugegebenermaßen schwierig war, eigene Vorurteile über Bord zu werfen, es hat sich gelohnt.

Denn dieser neue Ansatz des kollaborativen Problemlösens gefiel nicht nur mir, sondern überzeugte auch die betroffenen Kinder. Sie fühlten sich eigenen Aussagen zu Folge wahrgenommen. Der gemeinsame Weg, den wir gehen mussten, war lang und holprig und wir legten häufig auch nur ganz kleine Streckenabschnitte zurück. Dennoch besserten sich unsere Schüler-Lehrer-Beziehungen und das Klassenklima und auch die Häufigkeit der Unterrichtsstörungen reduzierte sich enorm. Insgesamt nahmen die Kinder und ich die Methode von daher als Schritt in die richtige Richtung wahr.

Rezension zum Buch

Alles in allem ist das Buch sehr ausführlich beschrieben. Dadurch erfordert es vom Leser einiges an Zeit. Doch die Zeit ist gut investiert. Man bekommt einen praktischen und einleuchtenden Weg aufgezeigt, der einem deutlich macht, wie man konstruktiv mit dem Verhalten herausfordernder Kinder umgehen kann. Nebenbei lernt man zu verstehen, warum manche Kinder oder auch Erwachsene sich manchmal herausfordernd verhalten – sie haben ein ungelöstes Problem oder ein Kompetenzdefizit oder beides.

Das Buch ist demnach nicht nur für Pädagogen zu empfehlen, sondern auch für Eltern und alle Erwachsene ratsam, die herausfordernde Menschen besser verstehen und weniger verurteilen möchten. Wie ich aus Erfahrung sagen kann, lohnt es sich, den steinigen Weg zu gehen, sich selbst und sein eigenes Verhalten im Umgang mit herausfordernden Kindern und Menschen zu reflektieren und sich mit ihnen auf die Suche nach einem gemeinsamen Lösungsweg zu machen. Denn im Endeffekt wünschen wir uns doch alle, dass uns andere Menschen Interesse und Verständnis entgegenbringen. Warum also nicht selbst damit anfangen?

Produktinformation & Produktempfehlung

Das Buch umfasst 348 Seiten und ist 2012 erstmals im Hogrefe Verlag erschienen. Der Kaufpreis liegt bei 29,95 € (UVP) – nicht günstig, aber wie ich finde absolut lesenswert!

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P.S. Wie immer freue ich mich über eure Kommentare und Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis.

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